Waren wir nicht erst vor kurzem aufgeschreckt, als wir lasen und hörten, das wo Käse drin sein soll, gar kein Käse mehr drin ist? Ich war schockiert. Eine Pizza ohne echten Käse? Ich musste gleich an den berühmten Film Brust oder Keule mit Louis de Funes denken, wo er einen Gourmetkritiker spielt und sein Gegenspieler, Michel Colucci als Gérard Duchemin, einen skrupellosen Fastfoodfabrikanten. Da konnten wir sehen, wie ein Hähnchen aus meiner undefinierbaren Masse geformt wird, mit Lebensmittelfarbe die gebräunte Haut aufgesprüht wird. Ekelig.
Zwischen meinen Beiträgen habe ich Google-Anzeigen geschaltet. Da sehe ich dann immer öfter Anzeigen von Mitbewerbern um Aufträge für Foto auf Leinwand. Ja, der Markt ist für den Verbraucher inzwischen unüberschaubar geworden, für uns Dienstleister ein hartes Brot. Wehmut klingt in mir an, wenn ich an die Zeit denke, in der ich noch einer der ganz wenigen Anbieter war. Naja. Und die Preise, die meine Mitbewerber für Leinwanddrucke verlangen, lassen mich fragen, wie ist das denn möglich.
Jetzt hake ich mal ein wenig nach
Da bekomme ich bei http://ranaposter.de eine 80×120 cm Leinwand für 89 Euro. Natürlich auf Keilrahmen aufgezogen, oder nicht. Das geht nicht eindeutig aus der Produktbeschreibung hervor. Allein so einen Druck für den Versand zu verpacken, dauert bei mir schon fast eine viertel Stunde und kostet mich im Versand mit UPS schon einen saftigen Zuschlag wegen “großem Paket”. Und erst das Verpackungsmaterial.
Was mir noch auffällt: Microfaser Leinwand. Was ist das denn? Ich denke, Leinwand ist aus Baumwolle. Eine Googlesuche zeigt mir Microfasertücher, Leinwand für Beamer, also die bekannte Leinwand für Diavorträge, Leinwand für Rollos und tatsächlich werben ganz schön viele Anbieter von Foto auf Leinwand mit Microfaser-Leinwand. Die Leinwand mit einem Flächengewicht von 210g/qm bis zu stattlichen 400g/qm verspricht so nichts schlechtes. Oder? Bei www.online-artikel.de finde ich diese Aussage:
Vorsicht ist aber bei der Auswahl des jeweiligen Anbieters bezüglich eines Fotos auf der Leinwand geboten. Nicht immer wird die angebotene Qualität auch geboten. Was für einen Künstler verwerflich wäre – ist bei der Produktion einer Foto Leinwand unersetzbar – die Microfaser-Leinwand. Der Vorteil besteht darin, dass sich die im Druckverfahren verwendete Tinte sofort mit den Poren dieser Leinwand verbindet. Nur so ist es gewährleistet, dass das Foto auf Leinwand reflektionsfrei, kratzfest und wasserunempfindlich ist. In Fällen, in denen ein anderes Gewebe seinen Einsatz findet, passiert es nicht selten, dass an den Eckfalzen unschöne Farbbruchstellen entstehen. An eine Kratzfestigkeit und Wasserunempfindlichkeit ist gar nicht zu denken.
Hmm, stimmt denn diese Aussage? „Was für einen Künstler verwerflich wäre, ist für Foto auf Leinwand unersetzlich.“ Habe ich etwa die schönsten Fotografien meiner Frau, die damit mehrere Ausstellungen veranstaltet hat, unersetzlich versaut?
Unter http://mootivoo.de finde ich diese Aussage:
Ihr Bild wird auf ein speziell für den Druck von Fotoleinwänden entwickeltes Microfaser-Leinwandgewebe gedruckt. Ein High-Tech-Gewebe dass die Verbindung der lösungsmittelfreien Farben, durch den Sublimationsdruck, auf einer molekularen Ebene ermöglicht. So entsteht eine einzigartige Farbbrillanz und Ihr Bild wird kratzfest, UV-beständig und sogar waschfest bei 30 Grad!
Die Struktur (fein und doch gut sichtbar) dieses hochwertigen Materials eignet sich perfekt für Ihre mootivoo Fotodrucke und bewahrt, insbesondere aus der Nähe betrachtet, den Look ähnlich eines Gemäldes. Die seidenmatte, lichtechte Oberfläche gibt Farben besonders satt und leuchtend wieder und verleiht Ihrem mootivoo Bild eine sehr exklusive Wirkung.
Die Beschaffenheit dieses Materials lässt keine Wünsche offen, sie ist auf Haltbarkeit und Farbbrillanz optimiert.
Die verwendeten Leinwände sind darüber hinaus Naturprodukte und unterliegen der ständigen Kontrolle unseres Qualitätsmanagements. Das Baumwollgewebe wird exakt nach unseren Vorgaben verarbeitet und kleinste Webfehler durch optische Vermessungen erkannt und aussortiert. So kommt nur zu 100 % perfekt verarbeitete Leinwand zum Einsatz.
All diese Eigenschaften des mootivoo Leinwandgewebes lassen Ihre Motive edel und wertig zum Ausdruck bringen
Alle Anbieter sprechen übrigens von einer eigens für Sie hergestellten Leinwand. Als wäre ihr Angebot das Einzige. Apropos: Ein High-Tech-Gewebe steht oben und unten sprechen die von einem Naturprodukt. Wie geht das zusammen.
Ich lese weiter in den Googlesuchergebnissen und finde Hinweise, um was es sich denn überhaupt handelt und was zu erwarten ist: aufwändiges Transferverfahren, Sublimationstinten und 720 ppi Druckauflösung. Und es ist ein Produkt nach dem Öko-Tex Standard. Siehe zu Öko-Tex bei Wikipedia. Das was ich da lesen kann, klingt erstmal gut. Doch ist deshalb die klassische echte Leinwand schlecht?
Geworben wird bei der Microfaser Leinwand auch mit Haltbarkeit, aber dazu gibt es keine Tests. OK. Anders zum Beispiel bei der Epson Leinwand. Die ist sogar für das Epson Zertifikat Digigraphie gut. Naja. Dieses Produkt „Microfaser Leinwand“ ist also eigentlich keine echte Leinwand. Im Gegenteil, es ist ein Druck auf Transferpapier, der dann vom Transferpapier mit einer Transferpresse auf den synthetischen Leinwandstoff aufgebracht wird. Es soll viele Vorteile wie Kratzfestigkeit, Wasserbeständigkeit und vielleicht Haltbarkeit haben. Aber es bedarf komplizierter Technik wie Transferpresse und spezieller Tinte. Inwieweit man solche Drucke mit denen mit Epson Tinte auf Epson Leinwand vergleichen kann, sei dahin gestellt, ich habe keine Erfahrungen damit. Wir kennen das Prinzip aber schon von den T-Shirt-Drucken, wo das gleiche Verfahren angewendet wird. Interessieren würde mich auch, wie groß der Farbraum nach dem transferieren der Farben bleibt.
Und mir ist aufgefallen, das sich die Texte für die Produktbeschreibung auf sehr vielen Webseiten gleichen, was darauf schließen lässt, das viele Shops nur sogenannte Partnershops sind und letztlich nur wenige Anbieter für die Produktion dahinter stehen.
Ich will die beworbenen Vorzüge der Microfaser Leinwand nicht schlecht reden, im Gegenteil spricht vieles dafür und sie merzt so manche Unzulänglichkeit herkömmlicher Leinwanddrucke aus. Aber wenn ich mich als anspruchsvoller Künstler für ein Hahnemühle PhotoRag Produkt interessiere, würde ich dann einen Fotodruck auf hochglänzender Fotofolie wie dem Ilford Galerie Smooth High Gloss Media in meine Überlegungen mit einbeziehen? Und vergleiche ich einen Druck auf einem 200g/qm schweren Fotopapier mit dem Ausdruck auf einem Barytpapier? Oder vergleiche ich ein Kleid von KiK mit einem von einem Modezar?
Ich habe auf viele Anfragen von Kunden nach kratzfesten und wasserunempfindlichen Leinwanddrucken von mir immer gereizt mit dem Vergleich mit einem van Gogh reagiert und ob sie, die Kunden, denn einen van Gogh auch in die Waschmaschine tun würden. Und meinte damit, einen van Gogh würde man ja auch pfleglich behandeln und erwarte das auch für einen guten Fotodruck auf Leinwand.
Aber der Erfolg der Microfaser Leinwand zeigt scheinbar, das ein Foto auf Leinwand eben doch mehr aushalten muss, als nur schön an der Wand auszusehen und den Betrachter zu erfreuen. Oder liege ich damit so falsch? Bin gespannt auf Reaktionen.